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Nachdenken!!!

27
Mai
2008

Neue Broschüre der Ersatzkassen und ihrer Verbände bietet Informationen und Hilfestellung

Nachdem wir - auf der Basis der Arbeit von Anne Rochon-Ford aus Kanada - im Jahr 2006 erstmals mit "Ein anderes Rezept" das Thema Pharmasponsoring und Selbsthilfe thematisiert haben, gibt es jetzt auch von Seiten der Ersatzkassen und ihrer Verbände eine fachliche Information zu dem Brennpunktthema. Wir freuen uns sehr, dass damit eine neue Information für interessierte VerbraucherInnen zur Verfügung steht. Die neue Broschüre enthält auch ein kleines Interview mit Gudrun Kemper, BCAction Germany (s. S. 17).

Nachfolgender Text: Pressemeldung vdak

Ungleiche Partner - Eine Information zu Selbsthilfe und Wirtschaftsunternehmen"Kooperationen von Pharma- und Medizinprodukteherstellern mit Ärzten und Selbsthilfeorganisationen können problematisch sein: Auf dem Spiel steht oft die Glaubwürdigkeit der Patientenselbsthilfe. Einen Beitrag zur notwendigen Debatte soll die Broschüre „Ungleiche Partner – Patientenselbsthilfe und Wirtschaftsunternehmen im Gesundheitssektor“ leisten. „Mit unserer Broschüre wollen wir,“ so Michael Domrös, Leiter der Landesvertretung der Ersatzkassenverbände in Thüringen, „genau dort ansetzen, wo sich Selbsthilfeorganisationen für die Interessen von Patienten engagieren und Hersteller von Arzneien und Medizinprodukten finanzielle Hilfe anbieten. Oftmals ist die daraus resultierende Zusammenarbeit ein wahrer Drahtseilakt. “

Die jetzt veröffentlichte Broschüre bietet deshalb den Vertretern der Selbsthilfe wertvolle Tipps und nützliche Hinweise.

Die Broschüre, die in Zusammenarbeit mit der Sozialwissenschaftlerin und Journalistin Erika Feyerabend und dem Journalisten Klaus-Peter Görlitzer erstellt wurde, kann kostenfrei im Internet unter herunter geladen werden."

bullet_blueDownload Broschüre "Ungleiche Partner"
http://www.vdak-aev.de/LVen/THG/Ungleiche_Partner_bf.pdf

bullet_blue Weiterlesen: "Ein anderes Rezept" (Schwerpunkt Frauengesundheitsorganisationen)
http://www.bcaction.de/pdf/alternativen1.pdf

bullet_blue Vortrag (Präsentation und Skript) "Ein anderes Rezept": http://www.bcaction.de/07archiv/05_anderes_rezept.htm
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26
Jan
2007

Platz 2 für das schlechteste EU-Lobbying geht an "Cancer United"-Kampagne

Die PR-Agentur Weber Shandwick wurde für den Aufbau einer Tarnorganisation nominiert, die angeblich die Zugangsmöglichkeiten zu Krebsbetreuung verbessern will. Tatsächlich förderte sie aber die Interessen des Pharma-Riesen Roche. Cancer United startete am 19. Oktober in Brüssel. Die Initiative behauptet von sich, eine Koalition aus Ärzten, Krankenpflegern und Patienten zu repräsentieren, die auf den gleichberechtigten Zugang zur Krebsbetreuung in der EU drängen.

Die PR Agentur Weber Shandwick leitet das Sekretariat der Initiative. Bei dem Bemühen,
Vorstandsmitgliedern für Cancer United zu gewinnen und die Initiative bei der Presse und Kliniken bekannt zu machen, verschwieg sie, dass die Initiative vollständig von Roche, dem weltgrößten Hersteller von Krebsmedikamenten, finanziert wurde.

Die Kampagne hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Million Unterschriften zu sammeln und die Europäische Kommission zu einer EU-weiten Strategie zur Krebsbehandlung zu drängen.

Wichtige Argumentationsbasis für Cancer United ist eine Studie des Karolinska Instituts in Schweden, der ebenfalls von Roche finanziert wurde. Sie bringt die Überlebensraten von Krebspatienten mit den öffentlichen Ausgaben für Medikamente in Zusammenhang. Laut Aussage eines führenden Krebsexperten aus Großbritannien, Michel Coleman, sei dieser Bericht mit großen Fehlern behaftet und die Schlussfolgerungen seien falsch.

Wegen der Bedenken über die Finanzierungsquelle und den Mangel an Transparenz, die durch Enthüllungen des „Guardian“ über die Rolle von Roche und Weber Shandwick aufkamen, lösten sie einen Exodus aus: Mitglieder des Europäischen Parlaments, die Vorsitzende der Europäischen Krebspatienten Vereinigung, und der ehemalige Sprecher des britischen Premierministers, zogen sich schleunigst aus dem Vorstand von Cancer United zurück.


Quellen:
http://www.worstlobby.eu/showtext.php?name=press

http://www.worstlobby.eu/

Lobbycontroll: Initiative für Demokratie und Transparenz: Bericht zum Award 2006


Auch Europa Donna Deutschland spricht in einer aktuellen Pressemeldung zur Cancer United-Kampagne deutliche Worte.
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7
Jan
2007

GAEA und PACT: Wenn Forschung, Patientinnen, Markt und Werbestrategie verschmelzen

Von Gudrun Kemper


Die aktuell veröffentlichte Untersuchung einer britischen Forschungsgruppe zeigte an 131 Frauen mit Brustkrebs auf, dass 55% der Patientinnen die Einnahmevorschriften für die ihnen verordneten Medikamente gelegentlich oder sogar häufig nicht einhielten. In der Bewertung wurde dies von der Forschungsgruppe (1.) angesichts der lebensbedrohlichen Erkrankung als eine verpasste Chance interpretiert, als versäumte Möglichkeit zur Verbesserung der Gesundheit und nicht zuletzt auch als Vergeudung von Ressourcen. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass mehr Forschung notwendig ist, um diejenigen Patientinnen zu identifizieren, die hinsichtlich der Missachtung der Einnahmevorschriften gefährdet sind, und dass weitere Schritte sinnvoll sein könnten, um die Effizienz der Therapie zu erhöhen.

AstraZenecas „PACT“
AstraZeneca setzte auf diese Ergebnisse auf und entwickelte das „PACT-Programm“. PACT heißt „Patient’s Anastrozol Compliance to Therapy“-Programm und ist auf den ersten Blick eine neue Studie zur „Therapietreue“ (sog. Compliance) bei Brustkrebspatientinnen. Sie ist an ein bestimmtes Produkt von AstraZeneca gebunden und wurde am 21. September 2006 im ICC Berlin auf einer Pressekonferenz von AstraZeneca vorgestellt. Professor Rolf Kreienberg, bis 2002 Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft und Direktor der Universitätsfrauenklinik Ulm (C 4), ist einer der Initiatoren der Studie und stellt diese als „äußerst wichtigen Baustein der deutschen Versorgungsforschung“ dar (2.) . Nach Kreienbergs Aussagen soll PACT die Auswirkungen und Gründe für die mangelnde Therapietreue klären. Für die an PACT teilnehmenden Patientinnen solle geprüft werden, ob gleichzeitige zusätzliche Informationen das Einnahmeverhalten verbessern.

In die Planungen für die Studie hat AstraZeneca auch fünf Brustkrebspatientinnen eingebunden. Die Frage aus dem Kreis der Patientinnen an den Konzern, warum man die Untersuchung zur „Compliance“ nicht produktunabhängig durchführen wolle, beantwortete AstraZeneca sinngemäß dahingehend, dass es zu kompliziert wäre, alle Hersteller antihormonell wirksamer Medikamente an einen Tisch zu bringen. Die Frage, warum AstraZeneca PACT an ein bestimmtes Produkt gekoppelt hat und ob eine solche Verbindung für eine Untersuchung zur „Compliance“ sinnvoll ist, beantwortet dies allerdings nicht; dieses erscheint auch fragwürdig, zumal wichtige offene Fragen im Kontext der Medikamenteneinnahme – wie etwa die Auswirkungen der Einnahme über den Zeitraum von fünf Jahren hinaus oder auch Nebenwirkungen – gar nicht auf der Agenda stehen.

Die Motivationen von Patientinnen und Patientinnenorganisationen, sich an diesem Projekt zu beteiligten, erscheinen ebenfalls nicht wirklich nachvollziehbar. Eine Patientin erklärt: „Ich unterstütze PACT, weil ich hoffe, dass wir damit zeigen können, dass gut informierte Patientinnen zuverlässiger ihre Tabletten einnehmen und dadurch bessere Heilungschancen haben. Die Tabletten sind heute meine „Verbündeten“, die mir helfen sollen, gesund zu bleiben“, während die Motivation einer anderen Patientin, sich mit ihrer Organisation an der Studie zu beteiligen, die Verbesserung des Dialogs mit den behandelnden Ärzten und der Arzt-Patientinnen-Beziehung ist. Die Informationsasymmetrie zwischen Konzernen und in diesem Spektrum engagierten Patientinnenorganisationen kann bei letzteren dazu führen, dass ökonomische Konsequenzen des Patientinnenengagements letztlich nur aus der Perspektive des Fundraisings betrachtet werden. Finanzielle Verbindungen zwischen AstraZeneca und zumindest einigen der beteiligten Patientinnen/-organisationen lassen sich auf deren Homepages nachvollziehen.

9 Tage später – GAEA kommt …
Mit einem ähnlich erscheinenden Projekt, das den Namen der griechischen Göttin Gaea trägt, engagiert sich zur Zeit auch Novartis auf europäischer Ebene. „Große europäische Umfrage zeigt kritische Lücken in der Aufklärung und Information von Brustkrebspatientinnen auf“, so informiert die Pressemeldung vom 30. September 2006 zur „Gaeainitiative“(3) , an der sich die European School of Oncology, die European Oncology Nursing Society und Novartis Oncology beteiligen und die auf dem 31. Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) gerade vorgestellt wurde. Die Patientinnenseite in diesem Projekt wird vertreten durch Susan Knox vom EuropaDonna-Vorstand in Mailand. GAEA steht als Abkürzung für „Gathering Information on Adjuvant Endocrine TherApy“. Dieses Projekt führte unter 547 Brustkrebspatientinnen in neun europäischen Ländern eine Umfrage durch(4.). 41% der Patientinnen gaben an, dass sie sich hinsichtlich der Entscheidung für diese Therapie nicht ausreichend einbezogen fühlten. Die Umfrage legt in der Zusammenfassung der Posterpräsentation (5.) den Schluss nahe, dass weitere Forschung notwendig ist, um ein besseres Verständnis und nützliche Strategien zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Patientinnen Rechnung tragen. Eine Publikation der Umfrage ist noch nicht erfolgt und soll demnächst in einem internationalen onkologischen Fachblatt erscheinen.

Hormone schlucken – Hormone unterdrücken
Die zeitgemäße Verwendung von oralen Kontrazeptiva ist den meisten Frauen selbstverständlich geworden. Die über diverse TV-Sender in zahlreichen Wiederholungen ausgestrahlte Fernsehsendung „Diagnose Brustkrebs“ (6.) zeigte unter anderem ein weiteres Dilemma auf, nämlich wie verwirrend es für Frauen ist, wenn dann nach langjähriger – manchmal jahrzehntelanger – Einnahme einer Hormonersatztherapie die Diagnose Brustkrebs steht und wiederum Tabletten geschluckt werden sollen: Eine „Hormontherapie“, die jetzt allerdings umgekehrt wirken und körpereigene Hormone unterdrücken soll. Die Patientin verweigert die verordnete Therapie. Widerstand und Aufbegehren gegen die erneute jahrelange Einnahme von Tabletten werden vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, zumal die individuelle Brustkrebspatientin nie erfahren wird, ob die tägliche Tablette in ihrem speziellen Fall Heilung bewirkt oder wirkungslos bleibt. Lediglich statistische Daten können aufzeigen, ob es Sinn machen kann, ein Medikament einzunehmen. Zu diesen statistischen Daten, aufgeschlüsselt nach Subgruppen, denen Patientinnen sich je nach vorliegendem Krankheitsbild zuordnen können, bleiben jedoch intransparent, oder aber die Patientinnen haben in der Regel keinen Zugriff darauf.

PACT und GAEA werden daran wohl nichts ändern. Sicherlich bieten sich aber mit diesen Projekten in den Ländern, in denen wie bei uns in Deutschland die direkte Bewerbung von verschreibungspflichtigen Medikamenten bei PatientInnen gesetzlich untersagt ist, bessere Möglichkeiten, die Produkte ein Stück weit besser ins Bewusstsein der Patientinnen zu rücken.


1. Atkins, L., Fallowfield. L., Cancer Research UK, Psychosocial Oncology Group, Brighton & Sussex Medical School, University of Sussex, Falmer, Brighton BN1 9QG, UK: Intentional and non-intentional non-adherence to medication amongst breast cancer patients, EUR J Cancer, 2006 Sep; 42 (14): 2271-6. Epub 2006 Apr 27

2. Digitale Pressemappe AstraZeneca (inwischen offline)

3. http://www.presseportal.de/story.htx?nr=880657&firmaid=63722

4. Österreich (34 Frauen), Frankreich (92), Deutschland (82), Ungarn (34), Italien (90), Spanien (71) Schweden (36), Schweiz (12) und Großbritannien (96)

5. http://www.gaeainitiative.eu/GAEA_poster.pdf

6. Film von Monika Wagener und Ursel Sieber

Hintergrund:

Tamoxifen, von AstraZeneca unter dem Markennamen Nolvadex vertrieben, ist in den USA nach wie vor auch im Jahr 2006 das meistverkaufte Medikament gegen Brustkrebs. Doch AstraZenecas Patentschutz ist bereits 2002 ausgelaufen. Mittlerweile haben Generikahersteller die Produktion übernommen. Hatte Nolvadex im Jahre 2004 immerhin noch $ 134 Mio Umsatz weltweit für AstraZeneca eingebracht, so waren es in 2005 nur noch $ 114 Mio. Im Juni 2006 schließlich war die Produktion für AstraZeneca nicht mehr profitabel, und der Konzern musste die Produktion für die USA schließlich einstellen, um damit das Feld Generikaherstellern wie Barr Laboratories und Teva Pharmaceutical zu überlassen. Arimidex, AstraZenecas Nachfolgemedikament aus der Substanzklasse der Aromatasehemmer, hat Tamoxifen in den Behandlungsleitlinien noch nicht komplett abgelöst. Es gibt auch Gründe, die für Tamoxifen und gegen Aromatasehemmer sprechen. Der Stellenwert der Medikamente ist nach wie vor nicht endgültig geklärt. Es gibt weitere Aromatasehemmer anderer Hersteller, die auf den Markt drängen. Eine Monatspackung Tamoxifen kostet rund 19 €, während ein Aromatasehemmer mit 182 € zu Buche schlägt. Auch die Preisgestaltung unserer Medikamente betrifft uns, denn diese bezahlen wir schließlich – über unsere Krankenkassen – selbst.
Der Aromatasehemmer von Novartis wurde im März 2006 für die „adjuvante“ Behandlung von Frauen mit Brustkrebs in Deutschland zugelassen. Für die Anwenderinnen der Medikamente sind wichtige Fragen offen, etwa zu Nebenwirkungen, zur Vergleichbarkeit der Medikamente von unterschiedlichen Herstellern und zu Langzeitwirkungen, die über den Zeitraum von fünf Jahren hinausgehen.

Zuerst erschienen in AKF-Info, Heft 10, 2006
Zum pdf des Originalbeitrags
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8
Nov
2006

Auch Charity braucht mehr Licht im Dunkel

Von Gudrun Kemper

Die Forderung nach einem flächendeckenden, funktionierenden nationalen Krebsregister, wie bei der diesjährigen sogenannten "Aktion Lucia" thematisiert, ist richtig und gut. Weniger hingegen gefällt mir der Trend hin zu „Patientenorganisationen“, die sich mittlerweile auch bei uns in Deutschland in Richtung Geschäftsidee gemausert haben. Renate Haidinger ("brustkrebs muenchen e.V." und "brustkrebs deutschland e.V.") klagte auf der am 30.11.2006 vom Pharmakonzern Amgen „ausgeleuchteten“ Pressekonferenz zur „Aktion Lucia“ - die in diesem Jahr das Thema Krebsregister als Aufhänger hatte - über ihren Mangel an Einnahmen.

Die wichtige Arbeit von Krebs-Selbsthilfegruppen wird in Deutschland vorrangig von der Deutschen Krebshilfe finanziert. Allerdings können nicht alle Selbsthilfegruppen und Organisationen hier partizipieren, denn die Krebshilfe ist auf einige wenige große Verbände „abonniert“. Weitere finanzielle Unterstützung ist gem. § 20 Absatz 4 SGB V und § 29 SGB IX beziehungsweise § 31 Absatz 5 SGB VI z.B. über die gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen der „Selbsthilfeförderung“ erhältlich, freilich in geringerem Umfang und häufig "projektbezogen".

Patientinnen-Initiativen können auch Spenden bei Privatpersonen sammeln und sie nehmen in der Regel Mitgliedsbeiträge ein. Auch können sie sich um Sponsoren bemühen, die keine einschlägigen Interessenkonflikte nahe legen, um jene Arbeit leisten zu können, die viele gut finden, nämlich unabhängige Interessenvertretung und Beratung und die Unterstützung von Betroffenen durch Betroffene. Wenn jedoch finanzielle Interessen ins Spiel kommen, immer dann, wenn der Ruf nach „dem Geld, das wir brauchen“ laut wird, fühle ich mich zunehmend unbehaglich.

Haidingers Behauptung: "Keiner hat Geld für uns" (Ärztezeitung v. 7.11.2006) darf man bei solchen Organisationen wie den ihren wohl guten Gewissens als „Klappern gehört zum Handwerk“ verstehen, denn die Liste ihrer zahlungskräftigen Sponsoren z.B. aus Pharma- und Kosmetikindustrie ist lang. Großzügig spenden diese an Brustkrebsorganisationen, die sich geschäftstüchtig im "pink Business" - dem Geschäft mit dem Brustkrebs - tummeln. Ausgerechnet über Geldmangel kann gerade Haidinger also nicht glaubwürdig klagen.

Mangel besteht aber trotzdem, z.B. an öffentlicher Transparenz über die Geldflüsse in als gemeinnützig anerkannten Organisationen und vielleicht noch in Bezug auf die Nachhaltigkeit der finanzierten Projekte, die bei genauer Betrachtung oftmals sehr wohl den Kontext der Interessenkonflikte offenbaren, in dem sie eingeworben werden. Mit anderen Worten: Es muss zunehmend auch kritisch hinterfragt werden, woher das Geld von Patientinnenorganisationen kommt und wohin es geht, weil es auch um unsere Interessen als Frauen im Kontext Brustkrebs geht. Weder "pink Business" noch pink ausgeleuchtete Gebäude bringen Frauen in Bezug auf die Senkung der Erkrankungsraten oder die Heilungserfolge bei Brustkrebs wirklich weiter. Patientenorganisationen werden auf diese Weise beteiligt am von der Aktion Lucia beklagten "Ränkespiel der Macht". Und die Aktion Lucia benutzt ausgerechnet noch die "Schirmherrschaft des Kampfgeistes von Regine Hildebrandt". Wer hat sich das ausgedacht? Es ist unglaublich!

Quellen:
http://www.aktionlucia.de/content_aktion_lucia.htm
http://www.aerztezeitung.de/docs/2006/11/07/199a0803.asp?cat=
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31
Okt
2006

Die Brustkrebs-Barbie

von Jeanne Sather

Jedes einzelne Teil, das die Brustkrebs-Barbie trägt, ist rosa: Handschuhe, Abendkleid, die gesprenkelte Stola, Lippenstift und die winzige rosa Schleife auf ihrer linken Schulter. Die Stola ist quer um die Schulter gelegt und im Rücken zusammengehalten, genau wie die kleine rosa Schleife als Symbol für das „Bewusstsein gegen Brustkrebs“. Die Verpackung ist natürlich auch rosa. Ich linse unter die vier Lagen von Tüll, die die Puppe von den Füßen bis zu den Knien bedeckt, um die Schuhe anzusehen und muss in der Tat feststellen, dass sie barfuß ist. Aber das ist ein Ablenkungsmanöver, vielleicht sind alle Puppen aus der Barbie-Sammlung wie diese eine „Pink-Label-Andenken-Puppe" barfuß? Oder bin ich etwa geneppt worden?
Als Frau, die mit Brustkrebs und minus einer Brust lebt und sich über jedes neu hinzugekommene „rosa-Schleife-Produkt“, das im "Namen der betroffenen Frauen" jedes Jahr im Oktober auf den Markt kommt, doch eigentlich freuen sollte, habe ein paar Fragen dazu im Kopf…

Was sagt diese Schönheitskönigin oder Märchenprinzessin, diese PUPPE im rosa Kleid über mich und meine Erfahrungen mit Brustkrebs? Die Antwort ist: Nichts.


Nichts.

--- Die Puppe vermittelt mir keine Hoffnung.

--- Die Puppe vermittelt auch kein positives Bild einer tapfer mit Krebs lebenden Frau.

--- Und mit dem Verkauf der Puppe sind nicht einmal geeignete Möglichkeiten verknüpft, Spenden gegen Brustkrebs zu sammeln.

Barbie, die Puppe, die für viele Frauen mit einer Art Hassliebe verknüpft ist, war immer schon ein bisschen mehr als nur eine Puppe, vor allem aber war sie über Jahrzehnte ein Bestseller. Natürlich, die Schizophrenie der US-Kultur bewirkt, dass wir sie wohl lieben. Die erste Barbie kam 1959 auf den Markt. Wenn diese Puppe mich repräsentiert, oder etwa die durchschnittliche Frau mit Krebs, so müsste sie älter sein. Ich war 43, Barbie ist 18 oder vielleicht 22 jetzt.

Außerdem müsste die Barbie, wenn sie uns repräsentierte, mit einem Sortiment von Perücken und Kopftüchern ausgestattet sein, das haben die Designer bei Mattel, die die „glitzernde Tüllstola, die an den Kult der rosa Schleife erinnert“ entwarfen, vergessen. Auch haben sie eine Brustprothese (oder auch zwei) vergessen, und das, obwohl doch auch Ruth Handler, die die Barbie erfunden und nach ihrer Tochter benannt hat, bereits 1970 eine Mastektomie zur Behandlung ihrer Brustkrebserkrankung hatte. Presseberichten und der Konzerngeschichte zufolge war es ihr nicht möglich, eine Brustprothese zu finden, die sich natürlich anfühlt. Deswegen entwarf sie dann ihre eigenen, die sie sich 1975 mit dem Markennamen "Nearly me" ("Fast wie ich") patentieren ließ. Ruth Handler starb im Jahr 2002 im Alter von 85 Jahren.

Die Brustkrebs-Barbie bräuchte eigentlich noch einige weitere essentielle Chemo-Accessoires, so etwa eine kleine, pinkfarbene Toilette mit Abzug, wenn das Erbrechen kommt. Und – natürlich – die Strümpfe für ihre Arme, um dem Lymphödem vorzubeugen. Diese könnten ebenfalls rosa sein, wie die Handschuhe. Okay, es macht nicht so viel Spaß, mir Barbie mit einem winzigen (rosafarbenen) BH und einer winzigen abnehmbaren Brust vorzustellen, zurück zum Punkt.


Warum sollte man diese Puppe kaufen?

Inspiration. Mattel sagt, die Puppe ist eine Inspiration. Ich sage: Nein. Worte wie Empowerment, Hoffnung und Stärke auf dem Schriftzug im inneren der Verpackung tun es nicht. Ich habe Brustkrebs, Runde 1 geht an mich.


Geld für den "guten Zweck"(Cause Marketing)


Mattel sagt, man will $ 100.000 für den Verkauf der Puppe an Komen spenden. Ich bin überwältigt bei so viel Großzügigkeit. Es ist nicht nur ihr Geld, und es sind Peanuts. Meine Krebsbehandlung wird mehr als 300.000 US-Dollar in diesem Jahr kosten. Das sind die Kosten für eine Frau in einem Jahr. Eine Spende von $ 100.000 wird kaum ausreichen für die Reagenzgläser bei einer durchschnittlichen klinischen Studie. Runde 2 für mich.


Als Geschenk für ein Kind, das von Brustkrebs betroffen ist

Mattel sagt auf der Rückseite der Brustkrebs-Barbie-Verpackung „Die Barbiepuppe bietet die großartige Möglichkeit, Kinder über die Krankheit und ihre Folgen (s. oben, Perücken, Toiletten etc.) zu schulen und Unterstützung, Hoffnung und Trost zu geben. Heute sind viele Kinder mit Brustkrebs konfrontiert, weil die Erkrankung die Mutter, Großmutter, Bekannte, Freundinnen oder ihre Lehrerinnen betrifft. Wir hoffen, dass die „Pink Ribbon Barbiepuppe“ hilft, den Dialog zu beginnen und den richtigen Ton zu unterstützen.“

Ich bin nicht hier, um Witze zu machen. Man sollte diesen Marketingschwindel nicht ernst nehmen und diese Puppe nicht für ein Kind kaufen, dessen Mutter oder Großmutter Brustkrebs hat. Bitte nicht. Es gibt bessere Geschenke: Deine Zeit, deine Achtung. Wenn ein kleines Kind sie haben will, meinetwegen als Krankenhausgeschenk oder damit es Doktor spielen kann. (Aber es ist so offensichtlich, mit einem Doktorkoffer um die Ecke zu kommen, wenn die Mutter im Bett liegt, also sollte man sehr sensibel sein.)

Meine beiden Söhne waren 8 und 13, als ich die Diagnose Brustkrebs erhielt. Und ich weiß, wie schwierig dieser Umstand gerade für Kinder sein kann. Es ist schwer zu glauben, dass Mattel gerade diesen letzten Punkt wirklich ernst nimmt. Da ist kein Hinweis auf der Website von Mattel, auch nicht auf der Elternseite, wo man sich einen Newsletter mit „Tipps für Eltern“ bestellen kann. Die Botschaft von Barbie war schon immer: Kauf mich. Fall nicht drauf rein, besonders nicht im Oktober.

Meine Brustkrebs-Barbie genießt mittlerweile die Konservendose mit rosa Campbell-Suppe in einem Schrein für die Ahnungslosen in Amerikas Konzernen.

Dank geht an Jeanne Sather für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung und Veröffentlichung an dieser Stelle. Das © copyright liegt bei Jeanne Sather.

Jeanne Sather im Original lesen ...

Jeanne Sathers Blog "The Assertive Cancer Patient" (Die durchsetzungsfähige Krebspatientin): http://www.assertivepatient.com/


http://www.assertivepatient.com/2006/10/breast_cancer_b_1.html
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