Nachdenken: Brust – Krebs – Medizin – Screening – Für uns?
von Gudrun Kemper
M. Maureen Roberts (Irland) und Cornelia C. Baines (Kanada) leiteten beide Projekte zur Brustkrebsfrüherkennung mit Mammographie-Screening und erkrankten beide selbst an Brustkrebs. Haben die eigenen Erfahrungen die wissenschaftliche Position verändert? Lesen Sie ein wenig mehr über die beiden Wissenschaftlerinnen
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Maureen Roberts
Unter dem Titel „Mammographie-Screening überdenken – noch einmal“ (Rethinking breast screening – again) erschien im BMJ im Oktober 2005 eine persönliche Perspektive der klinischen Direktorin des Brustkrebs-Screening-Projekts in Kanada, Cornelia J. Baines. Ihr Titel ist eine Anspielung auf Dr. M. Maureen Roberts, die seit 1979 Leiterin des Mammographie-Screening-Projekts in Edinburgh war. Roberts hatte sich bereits 16 Jahre zuvor, nämlich 1989, im BMJ unter dem Titel: „Mammographie-Screening: Zeit zum Überdenken?“ (Breast screening: time for a rethink?) Gedanken gemacht. Sie berichtete - am Ende ihres Lebens - über ihre eigene Brustkrebserkrankung, die sie nach acht guten Jahren doch erwischt hatte. Maureen Roberts starb am 9. Juni 1989 an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung. Ihr kritischer Artikel, in dem sie mit der Brustkrebsmedizin breiter ins Gericht geht, wurde posthum am 14. Juli des selben Jahres vom BMJ angenommen und erschien im November mit einem
Cornelia Baines
15 Jahre später: Eine 69 Jahre alte Frau, Menarche mit 13, 22 bei der Geburt ihres ersten Kindes, 15 Jahre Hormonersatztherapie mit reinem Östrogen, sucht wegen Beschwerden in der linken Brust einen Chirurgen auf. Wie gefordert, bringt sie ihre letzte Mammographie mit. Bei der klinischen Untersuchung können weder die Patientin noch der Arzt etwas Auffälliges sehen oder tasten. Die bilaterale diagnostische Mammographie zeigt eine normale linke Brust. Aber in der rechten Brust zeigt sich bei 6 Uhr deutlich ein Brustkrebs. Obwohl der Tumor kleiner war, ist er auf der vorherigen Mammographie bereits zu sehen.
Was diesen „Fall“ ungewöhnlich machte, war die Tatsache, dass aus dem Screening-Programm bereits eine Mammographie existierte, die neun Jahre alt war. An gleicher Stelle zeigte sich auf dieser neun Jahre alten Mammographie eine Verdichtung auf dem Film, so dass verschiedene Ansichten erstellt und eine Nachuntersuchung für sechs Monate später empfohlen wurde. Da sich aber innerhalb dieser Zeit nichts veränderte, kam man zu dem Schluss, dass es sich um einen falsch-positiven Befund handelte. Die im November 2004 durchgeführte Chirurgie bestätigte ein hoch Östrogenrezeptor positives, langsam wachsendes Adenomkarzinom mit klarer Begrenzung und negativem Sentinel-Lymphknoten.
„Ich bin diese Frau“, schreibt Cornelia Baines. „Und ich war die stellvertretende Leiterin der kanadischen nationalen Brustkrebs-Screening-Studie.“ Cornelia Baines, eine emeritierte Professorin, fragte sich, ob sie nun glücklich sein konnte, dass ihr Brustkrebs neun Jahre lang unentdeckt blieb. Und sie stellt fest, dass sie es ist.
Mit der eigenen Erkrankung sieht sie sich gezwungen, darüber nachzudenken, was ihre eigene Erfahrung ihr über die Wirksamkeit des Mammographie-Screenings schlechthin zu sagen hat. Wie hoch ist der behauptete Nutzen, wenn Krebserkrankungen nicht tödlich verlaufen? Und ihr fällt sogleich ein, dass man sie damit konfrontieren würde, dass
- ... die Mammographie nicht gut genug war, damals. Doch das stimmte nicht. Die Mammographie war ausgezeichnet, so Baines.
- ... man ihr sagen würde: Es war kein Krebs vor neun Jahren. War es doch, erwidern dagegen die aktuellen Radiologen und Chirurgen. Und
- ... natürlich die Frage aufkommt, warum ausgerechnet die Leiterin der kanadischen Screening-Studie neun Jahre lang keine Mammographie mehr hatte machen lassen.
Ein Experte für Brustkrebsstatistik, Don Berry, beschreibt ihr die drei möglichen Ergebnisse im Mammographie-Screening:
Erstes mögliches Ergebnis:
Das zweite Ereignis kann sein, dass
Und das dritte Ergebnis im Screening sind
Sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass wir metastasierenden Brustkrebs mit bildgebenden Verfahren – und seien sie auch noch so ausgefeilt – oder simplen Tastuntersuchungen überhaupt nicht rechtzeitig finden, wäre gegebenenfalls schwer realisierbar. Wir haben lange auf Früherkennung gesetzt. Eines vielleicht nicht all zu fernen Tages werden wir hoffentlich wissen, wie es sich tatsächlich verhält, denn eines Tages kommt alles ans Licht. Vielleicht ist es soweit, wenn ein neues Computerprogramm aus den Ergebnissen tausender wissenschaftlicher Artikel über die Mammographie zur Brustkrebsfrüherkennung eine neue Quersumme berechnen konnte. Vielleicht werden wir aber auch weiter mit Pro und Contra leben müssen. Statistiken geben keinen Aufschluss darüber, ob der Nutzen auf der einen Seite den Schaden auf der anderen Seite nicht nur verschiebt.
Cornelia Baines kommt zu dem Schluss, dass die meisten in situ-Karzinome in die letzte, dritte Kategorie fallen und dass auch ihr Tumor, der nach neun Jahren noch keine Lymphknoten befallen hat und immer noch relativ klein ist, in diese Gruppe gehört. Und sie erinnert an Dr. Maureen Roberts, die bereits 1989 im BMJ fragte: „Was ist der Nutzen des Screenings?“ (What's the use of breast screening?) Oder: „Könnte Mammographie-Screening tatsächlich schädlich sein?“ (Might breast screening actually be detrimental?) Zumindest wollte Dr. Maureen Roberts bereits 1989, dass Frauen vollständig über diese Sachverhalte informiert werden, und zwar auch dann, wenn diese Informationen nicht das sein sollten, was Frauen gerne hören möchten. Und auch hier: Europäische Leitlinien geben vor, dass Frauen vollständig über mögliche Vorteile, Nachteile und Risiken informiert werden sollen [s. dazu Kommunikation im Mammographie-Screening (nach Europäischen Leitlinien)].
Umdenken zum Screening ist erforderlich, sagt Dr. Maureen Roberts 1989. Und Cornelia Baines meint 16 Jahre später, dass sich bis heute wenig geändert habe („little has changed“). Cornelia Baines schließt ihren Bericht mit dem Hinweis auf eine Aussage aus dem „Economist“ aus dem Jahr 1997: „Der Enthusiamus für das Screening basiert mehr auf Angst, falscher Hoffnung und „Habgier“ als auf Evidenz“.
Als Schlüsselerklärungen für schlechtere Überlebensraten in Westeuropa kommen fortgeschrittenes Tumorstadium, in Osteuropa außerdem schlechtere Therapien in Betracht, wird uns im Zusammenhang mit der EUROCARE 3 Studie vermittelt. Skandinavische Länder, die für ihre oft bereits seit Jahrzehnten laufenden Screening-Programme bekannt sind, aber insbesondere auch die USA führen die internationalen Statistiken in Sachen Überlebensraten an. Dennoch bleiben die angegebenen Ergebnisse des Screenings schwer interpretierbar, während präventive Möglichkeiten bisher mehr oder weniger vollständig ausgeblendet bleiben.
„Early detection is your best protection.“ Früherkennung ist dein bester Schutz – unter diesem Slogan wurde Mammographie oder Selbstuntersuchung lange angepriesen. „Prevention is the cure.“ Prävention ist die Heilung – auf diesem Weg sind wir bis heute nicht. Denn um Brustkrebs bereits präventiv etwas entgegen zu setzen, was womöglich viel mehr Leben retten könnte als Screening und aggressive Therapien, müssten wir uns noch viele gesellschaftlich tiefgreifende und weitaus unbequemere Fragen stellen, als allein die, ob wir zur Mammographie gehen sollten oder nicht. Gesunde Lebenswelten schaffen ist ein allumfassender Präventionsansatz und würde viele unserer ungesunden und manchmal lieb gewordenen Gewohnheiten schlicht auf den Kopf stellen.
Soweit unser Bericht zu diesen beiden älteren Artikeln. Lesen Sie die Originale:
Rethinking breast screening – again
Von Cornelia J. Baines (2005)
http://bmj.bmjjournals.com/cgi/content/full/331/7523/1031?etoc
Breast screening: time for a rethink?
Von M. Maureen Roberts (1989)
http://www.pubmedcentral.nih.gov/picrender.fcgi?artid=1838018&blobtype=pdf
Weiterlesen:
Leserbrief: "Breast screening: a response to Dr. Maureen Roberts"
von Jocelyn Chamberlain, Cancer Screening Evaluation Unit (1989)
http://www.pubmedcentral.nih.gov/picrender.fcgi?artid=1838180&blobtype=pdf
J. Chamberlain schreibt mit Sympathie für Roberts, warnt aber davor, das "Kind mit dem Bade auszuschütten".
Leserbrief: "Breast Screening" von Mala Rao
http://www.pubmedcentral.nih.gov/picrender.fcgi?artid=1838339&blobtype=pdf
Mammography Screening: Are women really giving informed consent? (2005)
Cornelia J. Baines im Journal of the National Cancer Institute (JNCI)
http://jnci.oxfordjournals.org/cgi/reprint/95/20/1508?ijkey=91057b01ac5035e4298010fe6d86e155a41da65c
Kritische Auseinandersetzung zu den Ergebnissen der Mammographie bei Frauen insbesondere in der Altersgruppe zwischen 40 und 49 Jahren
Weitere Quellenangaben:
Economist
Screening for breast cancer (1997)
http://www.economist.com/opinion/displaystory.cfm?story_id=E1_TQGNJP
(Nur der Artikel-Anfang ist frei zugänglich)
Eurocare 3 Summary: Cancer Survival in Europe at the End of the 20th Century. Ann Onc 2003; 14 (suppl 5): 128-149.
http://annonc.oxfordjournals.org/cgi/reprint/14/suppl_5/v128.pdf
Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser (Zahlen), s. z.B.
http://www.fgz.co.at/Mammographie-als-Reihenuntersuchung-Pro-und-Kontra.148.0.html
Weitere Informationen:
zum Mammographie-Screening auf unserer Webseite.
BCAG Linksammlung zum Mammographie-Screening
http://delicious.com/bcag_mammography_screening
Breast Cancer Action Germany - 23. Aug, 22:34


