Hormonsubstitution

7
Feb
2009

Brustkrebs vermeiden: Ohne künstliche Hormone in die Wechseljahre

Info zsgest. von Gudrun Kemper

Es ist ein böses Erwachen. Die Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Hormonen bei einer sogenannten "Hormonersatztherapie" sind viel größer, als bisher angenommen. Das berichtet Lisa M. Krieger in den Mercury News, San Jose, Kalifornien vom 4. Februar 2009, wie auch viele andere Medien weltweit. Zwei neue Analysen der Stanford Universität wurden aktuell im Pfeil NEJM vorgestellt.

Lisa M. Krieger schreibt, die Untersuchungen zeigten, dass Frauen, die eine Hormonersatztherapie über den Zeitraum von wenigstens fünf Jahren beibehielten, ihr Brustkrebsrisiko jedes Jahr verdoppelten. Das Risiko ist damit wesentlich höher als jene erschreckenden 27 Prozent, die im Jahr 2002 im Report der Pfeil Women’s Health Initiative erstmals vorgestellt wurden. Allerdings wurde jetzt ergänzt, dass eine Medikation für einen Zeitraum von unter 5 Jahren das Risiko nicht erhöhe, und auch Frauen, die die Medikation abgesetzt hätten, hätten kein erhöhtes Risiko mehr.

Trotz dieser bereits im Jahr 2002 vorgelegten Ergebnisse haben Millionen von Frauen die Einnahme der „Hormonersatztherapie“ fortgesetzt, um Symptome wie starke Hitzewallungen zu beherrschen, zum Teil auch, weil Alternativen fehlten. Andere Frauen wiederum sind nicht wirklich informiert gewesen hinsichtlich des schlechten Abschneidens der Medikamente, sie waren sich des Krebsrisikos nicht bewusst.

Pfeil Marcia Stefanick, Professorin an der medizinischen Fakultät der Stanford Universität, war Co-Autorin sowohl der Studie aus dem Jahr 2002 wie auch der Ergebnisse, die jetzt vorgestellt wurden. Sie möchte Frauen ermutigen, zu versuchen, ohne Hormoneinnahme durch die Wechseljahre zu kommen. Insbesondere die kombinierte Einnahme von Östrogenen und Progesteron war so dramatisch, dass die Studie sofort gestoppt wurde. Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse in den USA sanken daraufhin sofort auch die Verschreibungen von rund 60 Millionen auf 20 Millionen im Jahr 2005. Dies sind zur Zeit die aktuellsten verfügbaren Zahlen. Wie wir bereits wissen, sind die Brustkrebsdiagnosen damit in den USA erstmals schlagartig spürbar zurückgegangen. Der „Kassenschlager“ Hormonersatztherapie stürzte ab, das große Umdenken setzte ein, wie Pfeil Cindy Pearson vom Pfeil Nationalen Frauengesundheitsnetzwerk NWHN in den USA berichtete. Es sei die bisher größte Veränderung in der Verschreibungspaxis für ein Medikament, das gewöhnlicherweise von Millionen gesunder Frauen eingenommen worden sei. Cindy Pearson befürchtet, dass jüngere Frauen, die jetzt neu in die Menopause kommen, die Lektionen aus den Forschungsergebnissen von 2002 noch nicht gelernt haben. Eine Umfrage der Stanford Universität aus dem Jahr 2004 habe ergeben, dass nur 3 von 10 Frauen sich an die Forschungsergebnisse erinnerten und weniger als die Hälfte sich mit den Vor- und Nachteilen der Hormonersatztherapie auskannten.

Bei Frauen, die die Medikation im Rahmen der Studie abgesetzt hatten, ließ sich ein sinkendes Brustkrebsrisiko nachweisen. Häufiger in der letzten Zeit war der Ruf nach weiteren Studien im Zusammenhang mit der Verursachung von Brustkrebs durch Hormontherapien zu hören. Dies aber bringt die Interessenvertreterinnen von Pfeil Breast Cancer Action auf. Sie wollen, dass endlich an weiteren Ursachen für Brustkrebs geforscht wird, denn allein in den USA sterben weiterhin rund 40.000 Frauen jährlich an den Folgen von Brustkrebs. „Es ist bewiesen. Wir brauchen keine weitere Forschung in dieser Frage“, sagt Barbara Brenner, die Breast Cancer Action in San Francisco leitet.

Weiterlesen:

Pfeil Breast Cancer after Use of Estrogen plus Progestin in Postmenopausal Women, von Rowan T. Chlebowski, M.D. [u.a.], die Originalveröffentlichung zur Hormonersatztherapie im "NEJM"

Pfeil Study: Link between hormone replacement therapy and breast cancer higher than thought Lisa M. Krieger, Cindy Pearson und Barbara Brenner in den "Mercury News"
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22
Nov
2008

BCA berichtet: Nebenwirkungen bei Aromatasehemmern

Nebenwirkungen bei Aromatasehemmern

Bereits im Jahr 2007 hat Breast Cancer Action (San Francisco) eine kleine Umfrage zu Nebenwirkungen von Aromatasehemmern vorgelegt. Beate Schmidt hat den aktuellen Bericht in der Source, Ausgabe 104 für November/Dezember 2008,
für uns gelesen, übersetzt und zusammengefasst.


Im aktuellen Newsletter # 104 für November / Dezember 2008 berichtet Breast Cancer Action San Francisco (BCA) noch einmal über die Nebenwirkungen von Aromatasehemmern (AH). Diese Medikamente, die heute Standard in der Antihormon-Therapie bei Brustkrebs sind, werden bei Frauen nach den Wechseljahren eingesetzt, wenn der Tumor Östrogenrezeptor-positiv war.

Bereits kurz nach Marktzulassung des ersten Präparates in den USA im Jahre 1996 (inzwischen sind drei Medikamente dieser Klasse auf dem Markt) erhielt BCA zu den Nebenwirkungen die ersten Anfragen von Frauen, die so behandelt wurden. Einige Nebenwirkungen sind inzwischen bekannt, vor allem die Langzeiteffekte jedoch noch nicht. Da diese Informationen wichtig und auf anderem Wege schwer zu beschaffen waren, hat BCA im Jahre 2005 eine Online-Umfrage gestartet, deren erste Ergebnisse im Jahre 2007 und als Follow-up im Juni dieses Jahres veröffentlicht wurden.

Der neue Bericht beruht auf 1.199 Antworten. Fast alle Frauen berichteten, dass sie wenigstens unter einer der aufgelisteten 38 Nebenwirkungen litten. Mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen berichtete nach wie vor über Hitzewallungen, Knochenschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen und Schlaflosigkeit. Sorgen macht BCA insbesondere die Tatsache, dass mehr als ein Viertel aller Frauen so stark unter den Nebenwirkungen litt, dass sie die Behandlung mit AH abbrachen. Hauptgrund hierfür waren Schmerzen in Gelenken, Knochen, Vagina, Blase oder Brustkorb.

Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmerinnen an der (nicht unbedingt repräsentativen) Umfrage von BCA im Durchschnitt jünger waren als diejenigen, die an den klinischen Versuchen teilnahmen. Diese jüngeren - unter 60 Jahre alten - Frauen erlebten mehr und stärkere Nebenwirkungen als diejenigen, die bereits über 60 Jahre alt waren - und zwar insbesondere dann, wenn die Wechseljahre durch Medikamente eingeleitet wurden.

Einige dieser Frauen erlitten sehr starke Beeinträchtigungen ihrer Lebensqualität, über die bisher in klinischen Studien nicht berichtet wurde. Das Alter der behandelten Frauen scheint also bei Anzahl und Schwere der Nebenwirkungen eine Rolle zu spielen. Für künftige Studien ist es nach Meinung von BCA daher entscheidend, dass die Auswirkungen von AHs auf jüngere Frauen untersucht werden.

Im Vergleich mit Frauen, die auf natürliche Weise in die Wechseljahre kamen, berichtete ein höherer Anteil der Frauen, deren Wechseljahre medikamentös herbeigeführt wurden, über Schwellungen in Armen und Beinen, dünner werdende Haare, Hitzewallungen und Gewichtszunahme (wobei letztere ein inzwischen bekannter Risikofaktor für Brustkrebs ist). Die Nebenwirkungen könnten auf den plötzlichen und vorzeitigen Beginn der Wechseljahre zurückzuführen sein.

Die Ergebnisse der Umfrage von BCA deuten darauf hin, dass ein größerer Anteil der Frauen, die vorher nicht mit Tamoxifen behandelt wurden, eine ganze Reihe von Nebenwirkungen hatten, die diejenigen, die von Tamoxifen auf AHs gewechselt haben, nicht hatten, so etwa Schlaflosigkeit, Knochenschmerzen, geistige Unschärfe, Muskelschmerzen, Durchfall, Kurzatmigkeit, grippeähnliche Symptome, Kopfschmerzen und Erbrechen. BCA zitiert nachfolgend aus einer Studie, die im Jahr 2007 in The Lancet veröffentlicht wurde. Danach hatte die vorherige Verabreichung von Tamoxifen durch die Östrogenwirkung die nachteiligen Wirkungen der AHs wie z.B. erhöhten Kalziumverlust verbessert. Bei den jüngsten Frauen (aus der Altergruppe 20 bis 39 Jahre) war die Verschreibung von Tamoxifen vor AHs jedoch weniger wahrscheinlich als bei älteren Frauen.

Da die Ergebnisse des Follow-up denen aus dem Jahre 2005 entsprechen, hat BCA die Umfrage zwar beendet, bleibt jedoch besorgt, dass es Langzeit-Nebenwirkungen geben könnte, die - wie bei Tamoxifen - erst in einigen Jahren dokumentiert werden können. BCA wird daher die Berichterstattungen über AH weiter aufmerksam verfolgen und bittet Frauen, ihre Erfahrungen an BCA weiterzuleiten, denn Patientinnen wissen oft lange vor den Medizinern, welche Nebenwirkungen sie erleiden.

BCA fordert zum Wohle aller Frauen, die diese Medikamente einnehmen müssen, weitere Forschungen zu Langzeit-Nebenwirkungen von Aromatasehemmern. Denn nur so können die Betroffenen informierte Entscheidungen treffen.

BCA widmet den Bericht allen Frauen, die sich die Zeit genommen haben, an der Umfrage teilzunehmen, und allen, die informierte Entscheidungen über die Behandlungen, die sie erhalten, treffen wollen.

Zum Weiterlesen (in englischer Sprache):

Newsletter # 104 für November / Dezember 2008 von Breast Cancer Action San Francisco (BCA)
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Linkübersichtsseite zum Report, mit weiteren Links von BCA
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Side Effects Revealed: Women’s Experiences With Aromatase Inhibitors : A Report From Breast Cancer Action (erster Bericht, 612 Teilnehmerinnen, Stand 2007)
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Side Effects Revealed:
Women’s Experiences With Aromatase Inhibitors : A Report From Breast Cancer Action (Schlussbericht, 1.199 Teilnehmerinnen, Stand Juni 2008)
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Direkter Link zu den Kommentaren von Teilnehmerinnen an der Umfrage:
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17
Nov
2008

Frauen auf Lust gedopt

So lautet die Überschrift eines Artikels in der Beilage "Forschung und Technik" der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. November 2008, der am selben Tage auch in der NZZOnline erschien.

womanDr. med. Alan Niederer berichtet in einem Beitrag vom 6. November 2008 im "New England Journal of Medicine" über die Anwendung eines Testosteron-Pflasters bei Frauen nach der Menopause und meint: Es gibt - wie so oft - mehr Fragen als Antworten.

Nachdruck aus der NZZ mit freundlicher Genehmigung von Dr. Alan Niederer.


Ein Testosteron-Pflaster soll bei Frauen nach der Menopause die Lust auf Sex steigern. Wie lange dieser Effekt jedoch anhält und ob sich dadurch das Brustkrebsrisiko erhöht, weiss niemand. In der EU ist das Pflaster für Frauen mit Libidomangel bereits registriert, aber nur falls Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden mussten.

ni. Wir leben in einer sexualisierten Welt. «Sex sells» gilt nicht nur für die Werbewirtschaft, auch die Pharmaindustrie hat das Thema längst entdeckt. Nach den «Segnungen» von Viagra und anderen Potenzmitteln sind nun die Frauen nach den Wechseljahren an der Reihe. Für sie hält die forschende Industrie ein Liebeselixier in Form eines Testosteron-Pflasters bereit. Damit lasse sich die weibliche Lust bedeutsam steigern, schreiben die Autoren in der jüngsten zu diesem Thema erschienenen Studie.¹ Nur gibt es in dieser Untersuchung so viele Fragen und Irritationen, dass sich geneigte Leser fragen, wie es die Arbeit in eine so renommierte Zeitschrift wie das «New England Journal of Medicine» geschafft hat.

Daten vom Studien-Sponsor analysiert

Um die Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlung zu evaluieren, taten sich die Professorin Susan Davis von der Monash University in Prahran, Australien, und ihre Forscherkollegen mit dem Pflaster-Hersteller Procter & Gamble Pharmaceuticals zusammen. Gemeinsam riefen sie «Aphrodite» ins Leben, eine Studie, deren Akronym für «A Phase III Research Study of Female Sexual Dysfunction in Women on Testosterone Patch without Estrogen» steht. Wie der Titel besagt, soll die Untersuchung den Weg ebnen für die Zulassung des Pflasters für das Heer von Frauen, die – wie heute empfohlen – nach der Menopause kein Östrogen mehr als Hormonersatztherapie nehmen. Frühere, kleine Studien hatten den Effekt bei Frauen mit Hormonersatztherapie untersucht. In der EU ist das Pflaster bereits für Frauen mit Libidomangel registriert, falls Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden mussten.

Dass der Sponsor Procter & Gamble nicht nur bei der Planung der Untersuchung beteiligt war, sondern auch gleich die Studiendaten sammelte und auswertete, mutet kritische Leser seltsam an – nicht zuletzt nach all den Pharma-Skandalen, bei denen eine zu enge Kooperation von Industrie und Akademie oft eine zentrale Rolle spielte. Für das «New England Journal of Medicine» ist es hingegen normal, dass Unternehmen klinische Studien sponsern und durchführen, wie die Zeitschrift auf Anfrage mitteilt. Es sei lediglich wichtig, dass die akademischen Forscher die Kontrolle über die Daten und die Publikation hätten.

Klinisch relevant – für wen?

Die «Aphrodite»-Studie fand weltweit an 65 Spitälern statt und schloss über 800 Frauen bis zu 70 Jahren ein. Sie alle waren postmenopausal und litten nach eigenen Angaben unter Libidomangel. Nach dem Zufallsprinzip wurden die Probandinnen in drei Gruppen aufgeteilt: Die erste Gruppe erhielt «kleine» Testosteron-Pflaster, die zweite «grosse» mit der doppelten Medikamentendosis und die dritte Gruppe entsprechende Pflaster ohne Wirkstoff. Wie die Forscher schreiben, verbesserte das grosse Testosteron-Pflaster die Libido der Frauen signifikant – was sich in 2,1 zusätzlichen, als befriedigend erlebten Sexualkontakten pro Monat niederschlug. Pikantes Detail: Die weibliche Lust wurde mit Fragebogen erhoben, die vom Sponsor selbst entwickelt wurden. Dies kann laut unabhängigen Experten die Ergebnisse beeinflussen.

Interessant auch: Die Steigerung der Sexualkontakte werteten die Forscher als «klinisch bedeutsam», obwohl sie die Frauen nicht nach ihrer Einschätzung befragten und über 150 Probandinnen «freiwillig» aus der Studie ausschieden. Darauf angesprochen, argumentiert Davis, dass man aus früheren Studien wisse, dass ein erfüllter Sexualkontakt mehr pro Monat als bedeutsam erachtet werde. Das sei auch das, was von den Potenzmitteln bei Männern zu erwarten sei.

Für Lucas Bachmann vom Horten-Zentrum für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer in Zürich hat die Studie einige gravierende Mängel. Als Frau würde er sich deshalb nicht auf die Behandlung einlassen, betont er. Die Studie zeige vor allem nicht überzeugend, dass das Mittel langfristig wirksam sei – und das bei potenziell tödlichen Nebenwirkungen. So wurde bei 4 mit Testosteron behandelten Probandinnen Brustkrebs diagnostiziert. In der Placebo-Gruppe trat kein solcher Fall auf. Das Pflaster führte zudem zu unerwünschtem Haarwuchs, vaginalen Blutungen und vereinzelt zu einer vergrösserten Klitoris.

Kurze Evaluation der Wirksamkeit

Es sei auch unverständlich, betont Bachmann, warum die Forscher die Wirksamkeit der Therapie nur über ein halbes Jahr und nicht, wie die Nebenwirkungen, über die ganze Studiendauer von einem Jahr ausgewertet hätten. Als Vertreter einer Ethikkommission hätte er das nicht akzeptiert. Das Argument der Autoren, in einer früheren Studie (bei Frauen mit Hormonersatztherapie) habe man gesehen, dass die Wirksamkeit nach sechs Monaten ein Plateau erreiche, überzeuge nicht. Das nähre eher den Verdacht, dass spätere Daten schlechter gewesen sein könnten.

Für Bachmann wird auch nicht klar, auf welchen biologischen Annahmen die Behandlung basiert. Es sei schliesslich nicht evident, sagt er, warum die weibliche Sexualität mit einem männlichen Hormon therapiert werden sollte. In die gleiche Richtung argumentiert auch Claus Buddeberg, Leiter der sexualmedizinischen Sprechstunde am Universitätsspital Zürich. Er kritisiert das eingeschränkte, rein biologische Konzept von Sexualität und Libido, das der Studie zugrunde liegt. Man wisse doch längst, dass sexueller «Appetit» ein psychosomatisches Phänomen sei, das in hohem Mass auch von der Qualität der Paarbeziehung abhänge. Der reduktionistische Ansatz und die damit verbundene Medikalisierung der menschlichen Sexualität lägen jedoch im Trend, betont Buddeberg – nicht zuletzt, weil ein Grossteil der sexologischen Forschung von der Industrie gesponsert werde.

Buddeberg ist auch erstaunt darüber, wer in der Studie als lustlos behandelt wurde – Frauen, die im Durchschnitt fünfmal Geschlechtsverkehr pro Monat hatten und die Hälfte davon als befriedigend erlebten. Das seien doch keine Frauen mit Libidomangel, betont der Arzt. Seine Klientinnen hätten oft über Monate keinen Sex mehr mit ihrem Partner. Insgesamt habe er stark den Eindruck, dass die Frauen in dieser Untersuchung auf Lust gedopt worden seien.

¹ New England Journal of Medicine 359, 2005–2017, 2047–2049 (2008).


Zum Weiterlesen:

Original-Artikel in der NZZOnline vom 12.11.2008
Frauen auf Lust gedopt

Deutsches Ärzteblatt vom 06.11.2008
Testosteronpflaster in der Postmenopause: Libidosteigerung mit Risiken

Original des Artikels im NEJM vom 06.11.2008
Testosterone for Low Libido in Postmenopausal Women Not Taking Estrogen

Abb. Bruce M. Walker, Creative Commons 2.0
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13
Apr
2007

Längjährige Hormonersatztherapie: Abschlussbericht eines AOK-Projekts stellt Frauen in den Mittelpunkt

von Gudrun Lüttgen

Der Abschlußbericht eines Projektes, das im Auftrag des AOK-Bundesverbandes durchgeführt wurde, ist nun vorgestellt worden. Die "Interviews mit Frauen unter lang dauernder Einnahme weiblicher Hormone in und nach den Wechseljahren" wurden unter der Projektleitung von Prof. Dr. Petra Kolip und Prof. Dr. Norbert Schmacke im Zeitraum von Februar 2005 bis März 2006 durchgeführt. Mit der Projektdurchführung war Nicole Höfling-Engels betraut.
tabletten
Mit 35 Frauen zwischen 46 und 75 Jahren wurden für das Projekt Interviews durchgeführt. Das Projekt geht damit einen neuen Weg, es stellt die Frauen selbst in den Mittelpunkt. Seit dem vorzeitigen Abbruch des ersten Teils der WHI-Studie im Sommer 2002 ist diese Therapieform, die auch mit dem Ansteigen der Brustkrebsinzidenz in Zusammenhang gebracht wird, immer wieder im Gespräch und wird sehr kontrovers diskutiert. Insgesamt sollen von 10.000 Frauen im Zeitraum von gut 5 Jahren zusätzlich 8 Frauen unter der Therapie an Brustkrebs erkrankt sein. Diese zusätzlichen Erkrankungen wurden vielfach auf eine Stimulation von vorhandenen bösartigen Zellen zurückgeführt wurde, jedoch nicht auf eine Krebsauslösung direkt, was jedoch für die betroffenen Frauen im Einzelfall auf das Gleiche hinauslaufen dürfte.

Bei der Auswertung der Interviews stellte sich heraus, dass die Frauen die Studienergebnisse der WHI-Studie sehr wohl kannten, jedoch unterschiedlich darauf reagierten. Von den 35 beteiligten Frauen hatten allerdings die meisten keinen Versuch unternommen, die Hormone abzusetzen oder eine Pause einzulegen. Bemängelt wurde von den Interviewteilnehmerinnen häufiger die unzureichende Aufklärung und Beratung zur Hormontherapie durch die behandelnden Ärzte und Ärztinnen, während die Frauen selbst Ängste hatten, eine falsche Entscheidung zu treffen.

Im Abschlussbericht werden einige Thesen generiert. Unter Bezugnahme auf die informierte Entscheidung (informed and shared decision) wurde formuliert, dass die Nutzen-Risiko-Einschätzung bei einer Hormontherapie immer noch nicht mit den Frauen gemeinsam - in verständlicher Art und Weise - durchgeführt wird.

Dass die Frauen für sich selbst diese Therapieform einfordern, konnte von den Untersuchungsergebnissen her nicht bestätigt werden. Die Frauen haben Nebenwirkungen einer Hormonersatztherapie, in dieser Umfrage, insbesondere deswegen toleriert, weil sie sich z.B. eine bessere Erhaltung ihrer Arbeits- und Leistungsfähigkeit von der Therapie versprochen haben.

Eine weitere These hält fest, dass die "Medikalisierung der Wechseljahre" nicht nur durch die "schulmedizinischen", sondern auch durch homöopathische und pflanzliche Mittel gefördert wird. Sie wirken wohl häufiger als ein Einstieg, der den Weg zu den hormonellen Therapien ebnet.

Ferner wird festgehalten, dass die Hormone eine psychische oder sogar physische Abhängigkeit zur Folge haben könnten, denn einige Frauen bezeichneten die Einnahme selbst als "Sucht" und sich selbst sogar als "Junkie".

Und ein neues Problem wird erkannt. Nicht nur die Tabuisierung der Wechseljahre und Schönheitsideale für Frauen, sondern nun zusätzlich die Tabuisierung der Hormoneinnahme bildet eine weitere Belastung für Frauen. Nach umfassender Aufklärung und konstanter ärztlicher Begleitung soll es Frauen vorurteilsfrei weiter möglich sein, Hormone einzunehmen. Die aktuelle Richtung ist dabei in einer Formulierung, die interpretationsfähig ist, festgehalten: bei "ausgeprägtem Leidensdruck und einer starken Einschränkung der Lebensqualität mit der niedrigst wirksamen Dosis für die kürzest mögliche Therapiedauer bei schweren Wechseljahreserscheinungen" ...

Interessant in diesem Kontext sind auch die Beobachtungen zum Rückgang der Brustkrebserkrankungen um 7% in USA, wir haben berichtet ...

Weitere Information und Quellen:

microhimbeer Zum Abschlussbericht: Interviews mit Frauen unter lang dauernder Einnahme weiblicher Hormone in und nach den Wechseljahren

microhimbeer Akutell erschienen: HTA-Bericht 52: Hormone zur Therapie von Beschwerden im Klimaterium und zur Primärprävention von Erkrankungen in der Postmenopause.

Zitat Dr. Zylka Menhorn/ Prof. Dr. Martina Dören im Deuschen Ärzteblatt zum HTA-Bericht und der Bewertung der Ergebnisse: "Die Kombinationstherapie aus konjugierten equinen Östrogenen und Medroxyprogesteronazetat sollte nur nach Abwägung aller Nutzen und Risiken und dann nur kurzzeitig verordnet werden. „Frauen bleibt es nicht erspart zu entscheiden, ob sie Risiken in Kauf nehmen wollen, wenn sie diese medikamentöse Behandlung wegen Hitzewallungen in Betracht ziehen".

microhimbeer Linkliste zur WHI-Studie im Deutschen Ärzteblatt

microhimbeer Gift im Jungbrunnen? Hohe Wellen in Fachwelt und Medien hat der Abbruch einer US-amerikanischen Studie zu Nutzen und Risiken der Hormonersatztherapie geschlagen. Was das für Frauen und ihre Ärzte hierzulande bedeutet, ergründet und bewertet Prof. Dr. Norbert Schmacke. (Stand: 10/2002)

microhimbeer Elke Anna Eberhard, Martina Dören, Mareike Koch, Ingrid Mühlhauser, Norbert
Schmacke, Gerd Glaeske: Memorandum: Informationen zur Hormontherapie in den Wechseljahren - Zur Notwendigkeit adäquater Entscheidungshilfen für Patientinnen, Verbraucherinnen und ÄrztInnen
Das Memorandum wurde erstellt auf der Abschlusstagung der Bundeskoordination Frauengesundheit im Januar 2005.
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15
Dez
2006

Östrogen/Progesteron/HET: Rückgang der Brustkrebserkrankungen um 7% in USA

Auch die Pressemeldung des M. D. Anderson Cancer Centers, Texas, USA, vom 14.12.2006 konstatiert seit dem Jahr 2003 einen starken Rückgang der Brustkrebserkrankungen - wie vor wenigen Tagen bereits in Kalifornien veröffentlicht. Der Rückgang wird im Zusammenhang mit dem Stop der Einnahme von Hormonersatztherapien (HET) gesehen, der mit dem Jahr 2002 einsetzte, als Warnungen laut wurden, dass diese eine Reihe von schwerwiegenden Gesundheitsrisiken für Frauen, die die Hormone schlucken, bergen.
Auf dem diesjährigen Breast Cancer Symposium in San Antonio war dies das durchschlagende Thema, vorgetragen von Peter Ravdin, M.D., Ph.D., von der University of Texas. (Der Vortrag kann per Video einschließlich der dazugehörigen Powerpointpräsentation unter: http://209.196.53.174/2006/, auf der Website des Symposiums angesehen werden als erster von fünf hervorragenden Vorträgen.)

In relativen Zahlen sind im Jahr 2003 in den USA insgesamt rund 14.000 Frauen weniger an Brustkrebs erkrankt, als im Jahr 2002, wo mit über 203.500 Neuerkrankungen allein in den USA ein trauriger Höchststand erreicht war. Noch ist der Beweis nicht erbracht, dass das Absetzen der Hormonersatztherapie bei vielen Frauen tatsächlich ursächlich für den Rückgang ist. Der Rückgang wurde insgesamt als "sehr dramatisch für einen so kurzen Zeitraum" bewertet und ein Zusammenhang wird als wahrscheinlich angesehen.
Die Studie der WHI wurde im Juli 2002 gestoppt, als sich zeigte, dass der Anstieg der Brustkrebserkrankungen durch Kombinationspräperate, die Östrogen und Progesteron enthalten, "signifikant" war.

Zwei Fakten dürften nun interessant in Bezug auf die Situation von Frauen in Deutschland sein: Zeigt sich auch bei uns in Deutschland ein Abfall der Brustkrebsinzidenz? Und wie wird sich die weitere Entwicklung der Neuerkrankungsraten sich entwickeln? Diese Daten lassen einerseits ahnen, welche positiven Effekte präventive Maßnahmen bewirken könnten und machen andererseits deutlich, wie sehr das nationale Krebsregister bei uns fehlt, um eine valide Zahlenbasis zu haben, damit solche Effekte überhaupt wahrgenommen werden können. Vielleicht wird es unmöglich sein, eine präzise Aussage zur Brustkrebsinzidenz der vergangenen Jahre zu machen, da eine vollständige nationale Registrierung in Deutschland nicht gegeben ist.

Link zum Flyer des Netzwerk Frauengesundheit (Stand: März 2003) zur Hormonersatztherapie

Berichterstattung im Ärzteblatt:
http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=26813

Pressemeldung M.D.Andersen Cancer Center
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