Unterschwellige Werbestrategien funktionieren perfekt - Presseerklärung der Berliner Ärztekammer vom 8. Mai 2008
Podiumsveranstaltung in der Ärztekammer Berlin nahm „Einfluss der Pharmaindustrie auf Arzt und Patient“ ins Visier
Gegen Bestrebungen, auf Europaebene Direktwerbemöglichkeiten für rezeptpflichtige Arzneimittel in Publikumsmedien einzuführen, haben sich Mitglieder der Ärztekammer Berlin, der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft und Vertreter unabhängiger Arzneimittel-Fachinformationsdienste in Berlin ausgesprochen. Anlass war eine mit über 200 Teilnehmern ausgesprochen gut besuchte Podiumsdiskussion zum Einfluss der Pharmaindustrie auf Arzt und Patient. Veranstalter waren neben der Ärztekammer Berlin die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft sowie die unabhängige Patienten-Informationsschrift „Gute Pillen – Schlechte Pillen“.
Kritisch sahen die Teilnehmer Vorstöße der pharmazeutischen Industrie, über die Europäische Kommission mehr Werbemöglichkeiten für verschreibungspflichtige Medikamente in TV, Hörfunk und Print zu erwirken. Noch ist das fast weltweit verboten; nur die USA und Neuseeland machen hier eine Ausnahme. In Europa schiebt die Richtlinie 2001/83/EG (zuletzt geändert durch 2004/27/EG) und in Deutschland das Heilmittelwerbegesetz, § 10, dem einen Riegel vor. Und bei der auf Ärzte bezogenen Werbung in Form von Geschenken oder Zuwendungen setzt die ärztliche Berufsordnung klare Grenzen.
Trotzdem ist der Ideenreichtum der pharmazeutischen Industrie unerschöpflich, gerade mit unterschwelligen Werbestrategien nicht nur die erlaubte Zielgruppe der Ärzte, sondern auch Patienten für verschreibungspflichtige Arzneimittel zu interessieren. Als prominenter Gastredner erläuterte der australische Arzt und Mitbegründer der internationalen Organisation Healthy Skepticism, Peter Mansfield, die Marketingstrategien gegenüber Ärzten. Hierbei werden vor allem Mechanismen angewandt, die die ärztliche Selbsteinschätzung, rational und schnell, aber auch unbeeinflussbar zu entscheiden, aufgreifen und scheinbar bestätigen.
Besonders erfolgreich sind persönliche und für Ärzte angenehme Kontakte mit Pharmareferenten, aber auch Einladungen zu erlebnisorientierten Fortbildungswochenenden an Orten mit hohem Freizeitwert. Ein Übriges tun eng mit den Unternehmen zusammenarbeitende, in der medizinischen Fachwelt sehr anerkannte Experten, die mit einem speziellen Produkt verbundene Behandlungsstrategien in Fachvorträgen und Artikeln prominent hervorheben.
Doch auch Patienten sind schon heute Zielscheibe der Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel. Vor allem das Internet macht es Pharmaunternehmen leicht, das bestehende Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel zu umgehen. Gastrednerin Hedwig Diekwisch präsentierte Homepages, die scheinbar zu Gesundheitsfragen beraten, dabei letztlich aber verschreibungspflichtige Hormonpräparate empfehlen. Diekwisch arbeitet für die BUKO-Pharma-Kampagne, die sich seit 25 Jahren kritisch mit der Pharmaindustrie beschäftigt und deren Strategien gezielt beobachtet. Die von Diekwisch gezeigten Homepages lassen zunächst nicht erkennen, dass sie von der pharmazeutischen Industrie eingerichtet wurden. Dem unkritischen und gutgläubigen Nutzer werden somit verschreibungspflichtige Hormonpräparate als Lifestyle-Produkte angedient, die Symptome wie Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen abwenden können. Auch das Sponsoring von Selbsthilfeorganisationen oder sogenannte „Advertorials“, Artikel in Zeitschriften, in denen industrienahe Experten oder Prominente scheinbar neutrale Gesundheitstipps geben, dabei aber Produktnamen fallen lassen, nannte Diekwisch als Möglichkeiten, das bestehende Direktwerbeverbot systematisch zu umgehen.
Die Veranstalter forderten:
• Eine Aufrechterhaltung des europaweiten Verbots der Verbraucherwerbung für rezeptpflichtige Arzneimittel.
• Die Bereitstellung von verständlichen und vergleichenden Informationen über Arzneimittel, Gesundheit, Krankheit und verschiedene Behandlungsstrategien bis hin zur „Nichtbehandlung“ durch unabhängige Einrichtungen. Die Ausstattung bestehender unabhängiger Informationsangebote mit mehr finanziellen Mitteln.
• Eine Registrierung aller Studien in einem öffentlichen Register sowie die Veröffentlichungspflicht aller zu einem Medikament durchgeführten Studien.
• Die unverzügliche Meldung unerwünschter Arzneimittelereignisse an die zuständige Oberbehörde sowie Aufnahme in eine öffentliche Datenbank.
Berlins Ärztekammerpräsident Dr. med. Günther Jonitz betonte: „Die Pharmaindustrie hat keine Gemeinwohlbindung und gerät bei der Forderung nach unabhängigen Arzneimittelinformationen in einen unlösbaren Interessenkonflikt. Hier müssen andere, neutrale Informationsquellen gefördert und systematisch aufgebaut werden.“
ÄRZTEKAMMER BERLIN
– Pressestelle –
Sascha Rudat, Tel. 030/ 40 80 6-4100
Sybille Golkowski, Tel. 030/ 40 80 6-4102
Weitere Informationen zum Thema:
www.healthyskepticism.org
www.bukopharma.de
Unabhängige Arzneimittelinformationen:
www.der-arzneimittelbrief.de
www.arznei-telegramm.de
www.gutepillen-schlechtepillen.de
www.isdbweb.org
Breast Cancer Action Germany - 8. Mai, 14:04


