von Gudrun Kemper

CAM ist die international geläufige Abkürzung für „
Complementary and
Alternative
Medicine“. Was wissen wir wirklich über komplementäre oder alternative Wege, von denen die meisten Ärzte darauf beharren, dass sie eher komplementär, also zusätzlich, und weniger alternativ - zu den häufig sehr aggressiven Behandlungspfaden der modernen Krebstherapie im aktuellen 3. Jahrtausend - eingesetzt werden? Und wie sieht ein amerikanischer Krebsarzt eigentlich CAM? Dr. Ralph W. Moss, der sich in den USA seit Jahren kritisch mit Krebsmedizin auseinandersetzt, meint, Deutschland sei in der westlichen Welt in Sachen CAM führend, und sicher hat er Recht, wenn er herausstellt, dass wir bei uns auf eine lange Geschichte in nicht-koventioneller Medizin verweisen können. Bei Krebspatienten in den USA hat die deutsche „CAM-Scene“ durch Burton Goldbergs Film „The Cancer Conquest“ - übersetzt etwa „Den Krebs überwinden“ - Furore gemacht, ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt. So wie manche hier bei uns den Mythos von der heilenden Krebstherapie im fernen Amerika träumen, tun dies Menschen in den USA offensichtlich auch, wenn es um Krebsheilung und CAM in Deutschland geht. Moss schreibt, dass die Klinik in besagtem Film Krebspatienten aus Amerika jahrelang magisch angezogen hat, und er konnte angesichts der schönen und friedvollen Lage der Klinik sogar gut nachvollziehen, warum das so war!
Es hat seinen eigenen Reiz, mit einem amerikanischen Krebsexperten Deutschland zu besuchen. Deswegen musste ich aktuell unbedingt die Reiseberichte von Dr. Ralph W. Moss, dem Herausgeber von „CancerDecisions.com“, lesen. Zwei Wochen lang bereiste der bekannte Arzt deutsche Lande in Sachen CAM, um dabei rund zwei Dutzend Ärzte aus dem entsprechendem Spezialgebiet zu treffen. Wir nehmen mit Moss beinahe zwangsläufig einen anderen Blickwinkel ein, zu dem der Wissenschaftler mit seinen kritischen Meinungen auch sonst gerne animiert. Moss hat komplementär und alternativ-medizinisch arbeitende Kliniken und ihre Ärzte bei uns in Deutschland in Augenschein genommen, um sich erneut Einblick und Überblick über CAM in Deutschland zu verschaffen. Für Moss, der Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Onkologie (DGO) ist, war es bereits seine achte Reise dieser Art, die er nutzen wollte, um das Wissen bekannter deutscher CAM-Krebs-Ärzte und die Fortschritte bei dieser integrativen Behandlung von Krebs zu beurteilen, so Moss selbst in seinem Reisebericht „Visit to Germany“.
Moss beschreibt das Phänomen des außergewöhnlichen Klinikreichtums in Deutschland. Nach seinen Recherchen gibt es bei uns 2.200 solcher Einrichtungen - die freilich nicht nur Krebs behandeln - mit über 500.000 Betten und 17,5 Millionen Patienten pro Jahr. Für seine Deutschlandreise hat Moss sich jedoch auf die auf Krebs spezialisierten „CAM“-Kliniken beschränkt, die neben einer deutschsprachigen auch über eine englischsprachige Internet-Website verfügen, und an denen Chefärzte beschäftigt sind, die zugleich auch Mitglied der DGO sind. Um die Klinikatmosphäre zu atmen und damit der Patientenperspektive näher zu sein, übernachtete Moss sogar in einigen Kliniken.
Er traf in den Kliniken auch 2008 noch auf amerikanische Krebspatienten. Im Zeitalter der golbalisierten Krebsmedizin öffnen sich inszwischen mehr und mehr Leistungsanbieter bei uns auch für zahlungskräftige Privatpatienten aus dem Ausland, ein Trend, der auch Unikliniken und Klinikkonzerne inzwischen häufig viel Wert auf kultursensiblen Service für internationale Patientinnen und Patienten legen lässt.
Natürlich durfte bei der Moss-Reise auch der Besuch einer der herausragendsten Universitäten in Europa nicht fehlen, nämlich der bereits 1388 gegründeten Universität Köln, an der ein bekannter Professor für CAM, Prof. Dr. Josef Beuth, beschäftigt ist. Moss erzählt, dass Beuth - wie viele andere, die in CAM-Kreisen wohl bekannt sind - zu seinem Freundeskreis gehört. Beide haben gemeinsam ein Buch zur komplementären Onkologie herausgegeben. Beuth (gebürtiger Aachener, Jg. 1952) ist Gründer und Leiter des - nach amerikanischem Vorbild gegründeten und in Europa einzigartigen - Instituts zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren (ENV) an der Universität in Köln. Er arbeitet an Naturheilverfahren, ihrer Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit.
Erwähnenswert ist in jedem Fall noch ein Vortrag, den Moss angelehnt an seinen kleinen Artikel „
Patents over Patients“, vor rund einem guten Jahr am 1. April 2007 in „The New York Times“ erschienen, in Deutschland gehalten hat. In diesem Artikel kritisiert Moss den heutigen Zustand bei der Entwicklung von neuen Krebsmedikamenten scharf. Wie bereits die Überschrift erkennen lässt, vertritt Moss die Meinung, dass Patent-Interesssen heute mehr bedeuten als die Interessen von Menschen, Patienten. Die Entwicklung von Krebsmedikamenten ist extrem teuer, und die Industrie sorgt für einen gesunden „return on investments“. Mit anderen Worten, die Investitionen der Industrie müssen sich auszahlen, und dafür braucht es, zitiert nach Moss, „wasserdichte Patente“. Billige Krebsmedikamente - darunter z.B. das von dem italienischen Onkolgen Paolo Lissoni erforschte Melatonin -, die hoch effektiv sein
könnten, werden wegen ihres geringen Preises gar nicht erst erforscht. Moss reißt in dem Artikel verschiedene weitere, vielversprechende Forschungsergebnisse kurz an, bei denen es bisher nicht zur Finanzierung einer klinischen Studie gereicht hat. Im Jahr 2003 hat Moss auch Lissoni besucht, der von dem „totalen Desinteresse der Pharmaindustrie“ an seinen Forschungen so enttäuscht sei, dass er sich inzwischen sogar die Mühen der Publikation spare.
Moss fordert schließlich für die Entwicklung von Krebsmedikamenten, dass sie nach ihrem wissenschaftlichen Wert und nicht etwa der Patentierbarkeit erfolgen müsse. Seine ungewöhnliche Idee: Die Entwicklung von Medikamenten für „gewöhnliche“, also häufige, Krebserkrankungen müssten ebenfalls aus den Finanzmitteln für sogenannte „Orphan Drugs“ (Medikamente für seltene und somit industriell unrentable Krankheiten) mitfinanziert werden. Die Definition von „Orphan Drugs“ müsse auf nicht patentierbare Medikamente erweitert werden. Ein wirklich revolutionärer Gedanke, da wir doch wissen, dass Medikamente nicht mehr (nur) für Patienten, sondern (heute vor allem) auch für Shareholder produziert werden. Soviel zu Moss aus der „New York Times“ von 2007.
Zu seiner Deutschlandreise vermittelt Moss bisher aus deutschen Kliniken noch nichts Neues, wir lesen gewöhnliche Reisebeschreibungen von unseren lieblichen Städten, Natur und Kunst, Bio-Buttermilch sowie Fahrten mit dem kleinen gemieteten Mercedes, mit dem er 2.000 Meilen vorwiegend auf der Autobahn zurückgelegt hat, nicht ohne auch unser vorzügliches Schienennetz zu loben. Zwar fällt in Bezug auf innovative oder immunologische Therapien schon mal der Begriff „Dendritische Zellen“, aber mehr will Moss erst in seiner Serie„Where to go“ berichten.
Über Dr. Ralph W. Moss
http://www.cancerdecisions.com/about.html
[Dr. Moss betreibt die Website cancerdecisions.com. Es ist wie nicht anders zu erwarten, und so lassen es auch die Endung seiner Website sowie diverse Publikationen und Dienstleistungen, die nur käuflich zu erwerben sind, vermuten, auch Dr. Ralph W. Moss ist neben seiner ärztlichen Tätigkeit kommerziell im Bereich Krebstherapie engagiert.]

Fact Finding Trip to Germany – Part I (25. Mai 2008)
http://www.cancerdecisions.com/052508.html

Fact Finding Trip to Germany – Part II (01. Juni 2008)
http://www.cancerdecisions.com/060108.html

Visit to Germany
http://www.cancerdecisions.com/050408.html

New York Times v. 01.04.2007: Patents over Patients / Ralph W. Moss
http://www.nytimes.com/2007/04/01/opinion/01moss.html

Fotos von R.W. Moss aus Deutschland
http://www.flickr.com/photos/24860924@N07/

Podcast mit Prof. Dr. Josef Beuth
http://www.koeln-magazin.info/fileadmin/koeln-magazin/Podcast/Interview_Beuth.mp3